Sonntag, Juli 16, 2006

Wollt ich nur mal sagen

Bin grad über intensives Blog-Hopping bei Creezy gelandet und über diesen Post gestolpert. Und da fielen mir 1000 Dinge ein, die ich auch zu diesem Thema sagen kann. Innerhalb von einer Woche hat sich mein Wohlbefinden um etwa 200 Prozent gesteigert, einfach, weil ich für die nächsten drei Monate mal wieder einen Job habe und mich danach selbstständig machen will. Damit wird die jobtechnisch bislang schlimmste Phase meines Lebens hoffentlich endgültig vorbei sein. Ich kann den Inhalt von Creezys Post nur mehrfach unterstreichen. Mir ist in meiner fast vier Jahre dauernden Arbeitslosigkeit (zwar mit Unterbrechungen, aber nie eine, die mal zu einem festen Job geführt hätte) schon so einiges begegnet an Dummheit, Unverständnis, Mitleid und Besserwisserei. Und ich kann nicht sagen, was davon am schlimmsten ist. Die Dummen behaupten, so schlecht lebe man doch von Hartz IV gar nicht. Und ich könne doch dann eben mehr als Freie Journalistin arbeiten und mir so was dazuverdienen. Kann ich schon, nützt mir aber nichts, denn das meiste wird mir doch wieder weggenommen, sodass ich nie auf einen grünen Zweig komme. Und Sprüche wie "Naja, wenn jeder so denken würde..." oder "Für mich als Beitragszahler wäre es aber schon besser, wenn Du Dir mehr dazuverdienen würdet ..." sind zum Kotzen. Welcher normale Arbeitnehmer würde denn bitte ranklotzen wie irre, wenn er genau wüsste, dass ihm von dem Geld nur ein Bruchteil bleibt? Nett auch die, die meinen, man wäre ja sicher selber schuld an der eigenen Lage. Klar, ich bin ganz sicher selber schuld dran, dass ich nach Abi, Studium, freier Mitarbeit und Ausbildung ums Verrecken nichts finde. Ich bin nicht ganz scheiße in meinem Job, und wenn ich wüsste, was ich noch anders machen soll, ich würde es tun. Ich hab auch schon nach Bewerbungen hintenrum gehört, dass meine Unterlagen ganz großartig waren, man aber doch lieber einen Mann haben wollte. Dagegen komm ich nicht an. Besserwisserei kennt jeder Arbeitslose sicher auch zur Genüge - vor allem von gewissen Sachbearbeitern bei der Arbeitsagentur, die sicher und warm in ihren Sesseln sitzen und mit dem Leben draußen noch nie allzu viel zu tun hatten. Und die meinen, mit 450 Euro im Monat komme man sicher gut aus. Und Mitleid - naja. Ich weiß, dass die meisten Menschen es gut mit mir meinen und ehrlich bedauern, dass es irgendwie nicht voran geht. Aber die tieftraurigen Blicke, wenn man sagt, nein, noch immer kein Job, sind echt furchtbar. Und gleichzeitig heißt es auch, ich sei ja immer so negativ und habe nur noch schlechte Laune. Aber wenn man das Gefühl hat, dass das Leben an einem vorbeizieht und man gerade Zeit verliert, die einem nie wiedergegeben wird, läuft man nun mal nicht singend und tanzend durchs Leben und streut überall Blümchen. Man wird seltsam, man sagt Verabredungen ab, weil man das letzte Geld nicht wirklich auch noch in Bier investieren sollte. Ich geh kaum noch in die Stadt, weil ich mir eh nichts leisten kann. Ich werde wütend, wenn jemand sagt, man müsse sich auch mal was gönnen. Oder man sei ja nur einmal jung und müsse das Leben jetzt genießen. Man kann das Leben aber nicht genießen, wenn man den ganzen Tag nur über Geld nachgrübelt und schon wieder zwei Bewerbungen zurückbekommen hat. Man wird dünnhäutig, nimmt alles, aber auch wirklich alles persönlich, auch, wenn man wildfremden Menschen, die einen als Sozialschmarotzer bezeichnen, gar nicht zuhören sollte. Am schlimmsten ist aber das Gefühl, dass man eigentlich nicht gebraucht wird, dass einen die potenziellen Arbeitgeber behandeln können wie den letzten Penner, weil hinter einem noch 30 andere stehen, die sie auch nehmen können. Dass das, was man tut, so gar nicht anerkannt wird, aber noch von einem erwartet wird, dass man immer gut gelaunt ist, während man ausgebeutet wird. Dass man mich hier nicht falsch versteht: Ich weiß, dass ich immer noch auf hohem Niveau jammere. Ich habe die Chance, in meinem Job weiter zu arbeiten, meine Familie ist immer für mich da und rettet mir den Arsch und zwischendurch hab ich immer mal wieder einen Job und kann das Konto auffüllen. Aber das schlimme Gefühl, dass mir vier Jahre meines Lebens irgendwie gestohlen wurden, das bleibt. Aber nu ist auch gut damit. Später erzähl ich Euch von Robbie.

5 Comments:

At 7/16/2006 01:29:00 nachm., Anonymous Lars said...

Meine uneingeschränkte Zustimmung.

Zwar bin ich in der glücklichen Lage, einen festen Arbeitsvertrag zu haben, aber das muß dank des neoliberalen Privatisierungswahns nicht immer so bleiben.

Hartz IV war der Grund, warum ich nach 15 Jahren schließlich aus der SPD wieder ausgetreten bin.

 
At 7/16/2006 11:24:00 nachm., Blogger annalog said...

jaja, so ist es. besonders nett ist es dann auch noch als alleinerziehende mutter so kurz vor 40.....

 
At 7/21/2006 08:11:00 nachm., Blogger creezy said...

aha, ich sehe, Du hast verstanden wovon ich geschrieben habe … ;-) oder wohl eher: ,-(

 
At 7/21/2006 09:24:00 nachm., Blogger daniela said...

Hey, es ist völlig okay, sich über Dinge zu beschweren, die man gern ändern würde. Hat nix mit rumheulerei o.ä. zu tun.
Und über das Gefühl der Ohn-macht, dass man doch eigentlich alles richtig gemacht hat und es trotzdem nicht so läuft, wie es laufen soll. Kann ich völlig nachvollziehen. Wenn ich glauben würde, dass das Leben eigentlich nach einem ganz bestimmten Plan laufen sollte (aus dem ich mich leider schon ausgeklinkt habe), dann könnte ich mich auch gleich erschießen.
So strample ich weiter und hoffe einfach mal das Beste.

 
At 7/23/2006 08:25:00 vorm., Blogger Kirsten said...

Ach, an einen Plan glaube ich auch schon lange nicht mehr. Aber irgendwie gehörte bei meinen Zukunftsvorstellungen ein Job immer dazu...
Aber es geht ja aufwärts mit mir, also keine Sorge. :-)

 

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