Donnerstag, März 23, 2006

Fußballgöttin II, Länderspielausgabe

Mein erstes Länderspiel – obwohl ich schon so oft in Dortmund im Stadion war, war diesmal doch irgendwie alles anders. Auf der Autobahn keine Dortmund-Schals in den Rückfenstern, sondern kleine schwarz-rot-goldene Fläggchen aus dem Fenster winkend. Kein schwarz-gelbes Trikot an, sondern die Retro-Ausgabe des Nationalmannschaftstrikots von 1954 (über dem Pulli, ich muss ausgesehen haben wie das Michelin-Männchen). Keine "Heja BVB"-Rufe in der U-Bahn, sondern "Schland! Schland!"-Gesänge (oder so ähnlich) und eigenartige Devotionalienstände vorm Tempel, in denen man DFB-Tassen kaufen kann. Also erstmal fix ein Bier, dann auf die Plätze. Merken, dass es die Plätze, für die man Karten hat, gar nicht gibt und damit für Erheiterung in der ganzen Kurve sorgen. Anbei ein kleines Suchbild – wo ist der Fehler versteckt? Sehnsüchtige Blicke auf die Südtribüne, auf der wir sonst stehen, aber jetzt sitzen wir in einer ganz anderen Ecke. Allerdings hätten wir auch auf Süd heute nur gesessen – aber vielleicht noch eins von diesen wunderbaren „Alle-für-einen-jeder-für-alle-T-Shirts“ abgegriffen? Aber so wie die aussehen, kann ich mir auch selbst eins malen... Und wenn ich es nicht vorher schon gewusst hätte, wäre es mir spätestens jetzt klar geworden: Sitzen is fürn Arsch. Christian Wörns ist auch da und guckt traurig, aber immerhin kriegt er auch ein, zwei Sprechchöre. Sonst singen wir selber im Stadion die (BVB-)Hymne, jetzt müssen wir uns einen Opernfuzzi anhören, der die Hymnen knödelt, und dann gehts endlich los. Und plötzlich ist doch wieder beim Alten, sprich wie beim BVB. 15 gute Minuten, dann Langweile und nach 30 Minuten grölen die Ersten: "Wir ham die Schnauze voll, wir ham die Schnauze voll, wir ham, wir ham die Schnauze voll." Was auch immer das da unten auf dem Rasen ist, ne Mannschaft ist es nicht. Hilfloses Rumgestocher im Mittelfeld, huch-ich-hab-den-Ball-was-mach-ich-jetzt-damit-Rückpässe, Fehlpässe und die Erkenntnis, dass ich erstens viel zu viel Geld für die Karte ausgegeben hab und mich zweitens mit meiner Behauptung, dass wir Weltmeister werden, richtig lächerlich mache. Am liebsten würde ich nach Hause gehen, gehe aber (zum Glück) aufs Klo. Denn dort stelle ich fest, dass eine Fähigkeit, die ich mal hatte und die ich inzwischen verloren geglaubt hab, doch noch besitze: Ich kann noch immer Tore pinkeln. Unsere Mannschaft sollte mir danken, denn ich habe den Bann der Torlosigkeit gebrochen – und wenn ich damit Fußballdeutschland und dem Jürgen seinen Posten retten konnte, wars mir das Opfer wert, mein erstes Länderspieltor nur gehört und nicht gesehen zu haben. Wenns um den WM-Titel geht, kann schließlich auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden. Irritierend an der ganzen Torflut war nur, dass man nach einem Tor Namen schreien musste, die einem sonst nur gegen Androhung von Folter (und auch dann nur bedingt) über die Lippen kommen würden. Wann schrei ich schon mal "Ballack! Ballack! Ballack!"?! Und auch diesmal war es nur auszuhalten, weil ich im Geiste immer "Schmierlapp! Schmierlapp! Schmierlapp!" gerufen hab. Wenigstens sind die nächsten Tore dann in meiner Anwesenheit gefallen. Beim Rausgehen gabs dann schon wieder die ersten "Jürgen Klinsmann!"-Rufe - manchmal ist es doch auch schön, dass der deutsche Fußballfan nur die Aufmerksamkeitsspanne einer Steckmücke hat. Ein Sieg gegen die B-Mannschaft einer Fußball-B-Nation (Rangliste hin oder her) genügt und schon haben den Jürgen alle wieder lieb. Und noch ein Anekdötchen zum Schluss: In der euphorischen Stimmung vor Beginn des Spiels hab ich auf die SMS-Anfrage eines Kollegen nach meinem Tipp im Rausch was rausgehauen? Na - was? Natürlich: "4:1!!!"

2 Comments:

At 3/24/2006 09:25:00 nachm., Blogger Pleitegeiger said...

Urks.
Du hast BALLACK zugejubelt???? Schande. Das würde ich niemals tun!!!

Genausowenig wie Klinsmann.

Aber Tore pinkeln ist toll. Ich nehm Dich mal mit zum HSV. Und dann sperr ich Dich im Klo ein... ;o)

 
At 4/02/2006 11:01:00 nachm., Blogger Kirsten said...

Da bin ich wohl anders gepolt - wenn es sein muss, kann ich sehr patriotisch sein. Liegt sicher am Arbeitgeber. ;-)

 

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